weil es zu viel Liebe nicht geben kann

Im Frühjahr hatten meine Tochter und ich zeitgleich die Grippe. Wir lagen fast die ganze Zeit gemeinsam im Bett, wir kuschelten, schliefen und wenn es meiner Tochter besser ging, hörten wir Hörspiele. So gesehen verbrachten wir diese Woche nahezu wie in einem Kokon. Ich wollte loslassen, was von der Welt da draußen an To do’s oder Anforderungen wartete. Es sollte mir nicht so recht gelingen.

Stattdessen schlich sich die Welt über mein Smartphone mit in unsere Kuschelfestung und ließ mich frieren. Ich las zu viel. Es waren damals die Tage, als Deniz Yücel frei kam. Zunächst war es nur eine Eilmeldung und ich wollte schauen, was auf Twitter gesagt wurde. Meine Timeline jubelte und herzte das erste Foto von seiner Frau und ihm in Freiheit. Aber andere Stimmen riefen dazwischen, beleidigte Worte schlugen zurück und es bildete sich so viel Hass. Ich hielt mich bis dahin nicht für naiv. Aber zu sehen, wie Menschen sich überbieten darin zu sagen, ein anderer Mensch, der ein Jahr lang willkürlich in Isolationshaft saß, hätte dort besser verrecken sollen, hat mich noch mal in einer anderen Dimension getroffen. Ich wurde so müde, viel müder, als man von einer Grippe sein kann.

Das war im Frühjahr.

Im Frühjahr schrieb ich an diesem Beitrag und veröffentlichte ihn doch nicht. So oft seitdem denke ich, es wird täglich schlimmer, welche Bahnen sich Ausgrenzung, Diskriminierung und Gewalt schlagen. Hass und Häme überraschen mich in ihrer Wucht schon nicht mehr. Getrennte Familien an Grenzen, rechte Hetze in deutschen Städten, Verbot der Seenotrettung. Und während ich darüber nachdenke, in welche Welt ich meine Kinder gebe, was wir tun können, um dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten, lese ich von Ratschlägen, Kinder wieder schreien oder alleine schlafen zu lassen. Eine völlig fehl geleitete „Elternschule“, 40 Jahre nach Astrid Lindgrens bewegender Rede „keine Gewalt“ .

Auch Mitmenschlichkeit, Offenheit und Gerechtigkeit finden ihre Wege, aber so vieles steht ihnen gerade entgegen. Was können wir tun, damit unsere Kinder diese Grundwerte leben und weitergeben, auch wenn sie als allgemeiner Konsens ins Wanken geraten sind? Ich schrieb weiter und teile diesen Beitrag nun doch.

Lieben. Wertschätzen. Achten.

Wenn mich jemand fragt, ob ich meine Kinder zu sehr verwöhne, sage ich nein, zu viel Liebe kann es nicht geben. Wenn jemand meint, mein Kind müsse nicht getröstet werden, so schlimm sei es ja nicht, sage ich doch und halte mein Kind, bis der Schmerz vorbei ist und manchmal auch noch kurz darüber hinaus. Wenn jemand meint, Kinder nicht ernst nehmen zu müssen, baue ich mich neben ihnen auf. Wir können als Eltern so viel falsch machen, aber wir können unseren Kindern nicht zu viel sagen und zeigen, dass wir sie lieben.

Liebst Du mich, auch wenn…

„Liebst Du mich noch?“ fragte mich gestern die Hauptstadttochter vor dem Einschlafen. „Ja“, sagte ich, „vor fünf Minuten habe ich Dir gesagt, wie sehr ich Dich liebe, das hat sich in der Zeit nicht geändert und das wird sich auch nie ändern.“

„Aber liebst Du mich auch noch, wenn ich [hier beliebigen Quatsch einfügen]“, dachte sie sich alle möglichen Dinge aus. Und es wurde ein lustiges Spiel daraus, welches doch den ernsten Kern hatte: Ja, ich liebe Dich immer, unabhängig von einem wenn. Bedingungslos.

Und ich glaube stark daran, dass Kinder, die bedingungslos geliebt werden, später nicht so getrieben vom Hass sein können, wie jene, die in unserem Land und weltweit gerade immer lautere Stimmen bekommen. Das ist mein Rettungsanker.

Ein Megaphon für die Liebe

Es ist eine Gesellschaftsaufgabe, eine politische Aufgabe, den Schwerpunkt in der Erziehung auf die Liebe zu setzen. Ja, unsere Kinder werden sich durchsetzen müssen und sie müssen lernen, zu scheitern und neu zu beginnen. Aber vor allem müssen sie erfahren, dass sie wertgeschätzt sind. Und ob in Gesprächen, in Büchern oder Blogs, werbt für die liebevolle und begleitete Kindheit, damit diese so selbstverständlich wird, wie sie mir manchmal scheint, bevor der Schein zur Seite tritt. Vielleicht ist es in all dem der einzige Weg.

Und deshalb lasst Euch nicht einschüchtern, wenn jemand fragt, ob Euer Kind jetzt nicht mal langsam alleine schlafen sollte. Tröstet Eure Kinder, wenn diese Trennungsschmerz in der Kita haben, steht für Eure Kinder ein. Streitet Euch, denn kaputte Nerven haben wir alle mal, und entschuldigt Euch dann. Liebt.

Genauso wenig wie ich in einer Grippewoche in einem Kokon lebte, genauso wenig leben unsere Kinder einzig in der Elternliebe. Manchmal habe ich Angst, große Angst, welche Verletzungen meine Kinder erfahren und wie diese sie verändern werden. Ich weiß, dass an der Schule schon in der zweiten Klasse oft ein Ton herrscht, in dem sich so vieles entlädt und meinen Sohn hier aufzufangen, ist nicht immer leicht. Aber Liebe ist eben nicht immer leicht und rosa und Wolke – Liebe ist Diskussion, Respekt, Wertschätzung, Verzeihen, Zuhören.

Liebe ist so wichtig.

Vielleicht gerade jetzt.

Eure Svenja

In der Erziehung gibt es nur eine Grundlage: Liebe.

Titelbild pixabay.com

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