Berlin: eine Etappe

raus aus der Großstadt

Alles hat seine Zeit. Mit Ende 20, Anfang 30 hatte vor allem Berlin für uns seine Zeit. Ich bin eingetaucht in dieses Großstadtleben und habe etwas entwickelt, was ich woanders noch nie so ausgeprägt hatte wie dort: Wurzeln.

Die Wege in Berlin sind oft weit, für viele Strecken von A nach B benötigt man eine Dreiviertelstunde. Wir fahren in S-Bahnen, die wiederum einer anderen Zeit zu entspringen scheinen – einer vergangenen, wenn die Technik sich mal wieder von Hitze oder Kälte lahmlegen lässt.

Und doch lebte ich im Berlin der kurzen Wege. Es entwickelten sich Freundschaften im gleichen Kiez, im selben Haus, ein Netz, welches trug. Berlin, mein Berlin.

Ein neuer Abschnitt

Ob es daran lag, dass viele von uns Eltern wurden? Vermutlich erst, als die Kinder in das Alter kamen, in dem sie eigentlich über Wiesen und durch Wälder stromern sollten. Oder lag es daran, dass die Stadt sich veränderte, Mieten unbezahlbar und Cafés zu Hipstertreffs wurden? Oder einfach und schlicht an unserem Alter, das uns wie Lachse den Fluß hinauf rief? Wie auch immer, es kippte. Ich nahm öfter Abschied, als dass ich neue Menschen in Berlin begrüßte. Viele zogen weg aus der Stadt und die, die blieben, fingen an zu hadern. Auch wir kehrten Kreuzberg den Rücken und zogen in den Vorort raus. Aber immerhin noch mit gefühlt einem Bein in Berlin, zu den Freund*innen, zur Arbeit, zum Kino und zur Spree.

Tschüss, Berlin. Raus aus der Großstadt.

In meiner ersten Berliner Wohnung hatte ich eines Tages einen Zettel im Briefkasten gehabt, ich könnte bei der Nachbarin ein Paket abholen. Ich klingelte und so begann unsere Freundschaft. Diese Nachbarin hat sich inzwischen ein Haus gekauft, in der Champagne, sie ist von meinen Berliner*innen vermutlich am weitesten weg gezogen. Die Freundin der Tochter ist nach Bayern gezogen, meine beste nach Franken, Berliner Blogger*innen schreiben jetzt von woanders (wie Bettie von Das frühe Vogerl), Arbeitskolleg*innen zieht es nach Bremen und nach Niedersachsen und ich möchte ihnen eigentlich nur zurufen, hey, bleibt noch jemand von Euch hier? Und habe doch nicht wirklich ein Recht dazu, weil wir ja selbst kein Berliner Kennzeichen mehr haben. Es scheint, als ob viele sich nun erinnern, wie sie selbst groß geworden sind – und wo. Dorthin trägt es die meisten zurück. Berlin war eine Etappe, aber kein Ziel.

Und wohin trägt es uns?

Ein Jahr wohnen wir nun in Brandenburg, sind raus aus der Großstadt. Ich möchte nicht wirklich zurück nach Berlin und sicher auch nicht wie viele in die alte Heimat. Aber hier alt werden? Da steht doch auch ein großes Fragezeichen. Auch wenn jetzt für den Moment vieles stimmig ist. Ich blicke neidisch auf alle, die genau wissen, wohin sie wollen. Weil ich das Gefühl auch hatte, einst in Berlin, aber weil es nun nicht mehr passt. Weil dieser Lebensabschnitt vorbei ist, weil Berlin nicht sagte Stay. Sondern Go. Weil nach und nach so viele wegzogen, die Berlin für mich Berlin machten. Inklusive uns. Und weil ich seitdem irgendwie auf der Suche bin, nach Etappenwurzeln.

Aber wie heißt es letztlich? Der Weg ist das Ziel!

Eure Svenja

Titelbild Markus Christ auf pixabay

Vielen Dank fürs Teilen <3

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